Hideyo Harada
Konzept und Hintergrund

Als Robert Schumann in den frühen 1830er Jahren seine »Papillons« schrieb, stand noch nicht einmal fest, ob wirklich die Musik sein Hauptlebensinhalt werden solle. Wohlvertraut hingegen war er mit den studentischen Ritualen Leipzigs und Heidelbergs, zu deren kreativer Anwendung nicht zuletzt, unter reichlichem Einsatz emotions- und kreativitätslösender Alkoholika, örtliche Ballvergnügungen Gelegenheit gaben. Deren rapid wechselnde, wie in Stroboskoplicht getauchte und nie festzuhaltende Szenen sind es dann auch, aus denen sich, den Spuren des verehrten Jean Paul folgend, die manchmal nicht einmal minutenlangen Impressionen der »Papillons« als flüchtig-rauschhafte Fieberträume sehnsüchtiger Hoffnungen, gaukelnder Irrlichter und grotesker Verlarvungen formieren.

Uneigentlich-Doppelbödiges und Maskenhaftes dringt hier, wo Gefühle ebenso oft angetäuscht wie verschwiegen werden müssen, wo Stimulationen aus Getränk, Poesie, Musik und körperlichen Berührungen ebenso züngelnd aufschlagen wie am tottraurig fröstelnden Ende des Stückes aschig zerfallen, allerorten ein; und Hideyo Harada, tief vertraut mit der oft literarisch und bildkünstlerisch inspirierten Klavierwelt des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, ist genau die Pianistin, dabei den Zwischentönen, aber auch plötzlichen Umschlägen von träumerisch schwebender Verzauberung zu beklemmt-neurotischen, im Extrem sogar depressiven Zuständen nachzulauschen und sie zu Klang werden zu lassen. Ihrem Spiel eignet ein tiefes Gefühl für das fragmentiert-Skizzenhafte in Schumanns Partituren, dem gerade aus seiner verletzlichen Unabgeschlossenheit und Labilität eine enorme Empfindungstiefe zuwachsen kann – auch noch in den einige Jahre später entstandenen und äußerlich gerundeteren »Davidsbündlertänzen«, bei denen sich der Komponist gegenüber der geliebten Clara gleichsam in eine feurig-draufgängerische und eine lyrisch-empfindsame Doppelnatur aufspaltet, deren widersprüchliche Seiten gegen- wie miteinander agieren: ein innerliches Ringen um die richtige Werbe- und Kommunikationsstrategie, präsentiert als allegorisches Maskenspiel.

In die zweite Hälfte ihres Programms hat Hideyo Harada mit Bedacht Werke gesetzt, die schon nach 1900 entstanden sind und in unterschiedlichen Facetten zeigen, wie aus den bei aller Zerstörungsanfälligkeit dennoch enthusiastisch überschäumenden Träumen der frühen Romantik im »Fin de Siècle« eine Distanz geworden ist, bei der das doppelbödige Spiel mit fremden Erscheinungen und Identitäten von skeptischer Zivilisationsenttäuschung grundiert wird. Wie seinerzeit auch Schumann entfliehen zwar sowohl Claude Debussy in den »Masques« als auch Maurice Ravel im »Alborada del Gracioso« aus seinen »Miroirs« der Nüchternheit einer als allzu prosaisch empfundenen Gegenwart; doch weil sie ebenso allen utopischen Alternativen misstrauen, balanciert das Exotische hier immer – selbst da, wo es unvermutet plötzliche Einblicke in eine verwundete Seele gibt – auf der Grenze zum Grotesken, ja spöttisch-Sarkastischen und Unheimlichen. Wenn die Masken fallen würden, wäre immer die Frage, ob ein »wahres Gesicht« dahintersteckt oder nur die nächste Verkleidung – für die Pianistin eine Gelegenheit, hinter der fixierten Oberfläche auch das untergründig mit einkomponierte »Als ob« durchklingen zu lassen.

In Karol Szymanowskis »Masken« schließlich werden alte Rollenmodelle in ihrer tiefen Zwielichtigkeit ausgeleuchtet, weil sie ihre verschiedenen Begehrlichkeiten nur über Lug, Trug und kunstvolle Inszenierungen an den Mann beziehungsweise die Frau zu bringen vermögen. Dass dabei nicht die immerhin um ihr Leben erzählende und gleichermaßen aus Liebe wie Existenzangst beredsame Sheherazade oder der als närrisch überdrehter Gaukler daherkommende und sich erst in den letzten, tief ernsten Takten kenntlich machende Tantris, sondern der zynisch-saloppe Verführer Don Juan das letzte Wort behält, lässt im Zyklus des Polen eine nachhaltige Desillusionierung ahnen: als jüngstes Werk des Abends hat es schon den Zivilisationsbruch des 1. Weltkrieges mit in seinen Erlebnishintergrund aufgenommen.

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Verfügbare Programme

»Masken«

Robert Schumann
Papillons op. 2
Davidsbündlertänze op. 6

Claude Debussy
Masques

Maurice Ravel
Alborada del gracioso

Karol Szymanowski
Masken op. 34

Hideyo Harada

„Ob glühende Emotion oder traumverlorene Poesie, ob sanft oder wild: Harada lässt sich von der Musik mitreißen, vom zarten Akkord bis zur Raserei schöpft sie alle Gefühlsregungen klanglich aus“, so die Süddeutsche Zeitung über die japanische Pianistin. Mit ihrem breitgefächerten Repertoire ist sie heute ein gern gesehener Gast bei internationalen Festivals und konzertiert mit bedeutenden Orchestern.

Haradas Vielseitigkeit spiegelt sich ebenfalls in ihrer umfangreichen Diskografie, die neben Werken von Samuel Feinberg und Michio Mamiya ebenso Kompositionen von Chopin, Grieg und Skrjabin umfasst. Ihre CDs wurden mit zahlreichen Preisen bedacht. Die englische Musikzeitschrift Gramophone nahm ihre Einspielung mit Werken von Tschaikowski und Rachmaninow in die Rubrik Gramophone recommends auf und attestierte: „Two great Russian piano masterpieces in a subtle and soulful recording. Hideyo Harada offers a reading that thrills.“ Sowohl ihr Schubert- als auch ihr Schumann-Album wurden unter anderem vom luxemburgischen Musikmagazin Pizzicato mit dem Supersonic Award ausgezeichnet und von den Fachzeitschriften Stereo und Fono Forum zur CD des Monats gekürt. Dazu war in Fono Forum zu lesen: „Hideyo Harada zählt zu jenen immer seltener anzutreffenden Künstlern, die sich bei ihren Einspielungen offensichtlich sehr viel Zeit nehmen, um Interpretationen von enormen musikalischem Feinschliff und größter geistiger Durchdringung vorzulegen. (…) Gegen die Konkurrenz weiß sich die Künstlerin schon deshalb zu behaupten, da sie ganz eigene Akzente setzt. Zunächst ist es die schiere Schönheit ihres Spiels, das sowohl Schuberts »Wandererfantasie« als auch die Sonate D 960 in eine andere Sphäre zu transzendieren scheint. (…) Und auch in der Sonate sind es die vielen seelisch erfüllten Momente ihres Spiels, die dem Werk über seine Schmerzlichkeit hinaus ein wärmendes Licht mitfühlender Menschlichkeit verleihen.“

Neben einem über mehrere Spielzeiten angelegten Schubert-Zyklus, den sie gemeinsam mit namhaften Partnern in Tokio realisierte, nimmt auch die Pflege zeitgenössischer Musik einen wichtigen Stellenwert im Schaffen der Pianistin ein, für die hier stellvertretend Komponisten wie Viktor Ullmann, Ernst Krenek, Toru Takemitsu, Toshio Hosokawa oder Tan Dun genannt seien, sowie die japanische Erstaufführung von Alfredo Casellas Scarlattiana op. 44 für Klavier und Orchester.

Ihre musikalische Ausbildung begann Hideyo Harada zunächst in Tokio bei Toyoaki Matsuura bevor sie nach Europa kam, wo sie ihre Studien bei Lieselotte Gierth in Stuttgart sowie bei Hans Kann und Roland Keller in Wien fortsetzte. Den letzten Schliff holte sich die Pianistin schließlich bei Viktor Merzhanov am Moskauer Tschaikowski-Konservatorium. Die Künstlerin wurde bei zahlreichen Wettbewerben preisgekrönt und gewann unter anderem den Concours International d’Exécution Musicale in Genf sowie den 1. Preis beim Internationalen Schubert-Wettbewerb in Dortmund. Darüber hinaus war sie Preisträgerin beim Internationalen Rachmaninow-Wettbewerb in Moskau.

Seitdem gastierte sie unter anderem beim Schleswig-Holstein Musik Festival, den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern, dem MDR-Musiksommer, dem Beethovenfest Bonn, dem Rheingau Musik Festival, dem Mozartfest Würzburg, dem Heidelberger Frühling, den Ludwigsburger Schlossfestspielen, dem Musikfest Stuttgart, den Festspielen Europäische Wochen Passau, dem Yokohama International Piano Festival und dem Grand Piano Festival in Amsterdam. Wichtige Stationen ihrer Karriere waren das Moskauer Tschaikowski-Konservatorium, der Wiener Musikverein, das Berliner Konzerthaus, das Gewandhaus Leipzig, die Alte Oper Frankfurt, die Stuttgarter Liederhalle, die Genfer Victoria Hall, das Prager Rudolfinum oder die Suntory Hall Tokio.

Hideyo Harada konzertierte mit zahlreichen Orchestern, so etwa mit dem Orchestre de la Suisse Romande, dem Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI, dem Stuttgarter Kammerorchester, dem Orchestre de Cannes, der Filarmonica George Enescu Bukarest, dem National Polish Radio Symphony Orchestra, dem Russian State Symphony Orchestra, dem Seoul Philharmonic Orchestra, dem NHK Symphony Orchestra, dem Yomiuri Nippon Symphony Orchestra oder dem New Japan Philharmonic Orchestra. Zu ihren Partnern am Pult zählten dabei Dirigenten wie Petr Altrichter, Christian Arming, Piero Bellugi, Pietari Inkinen, Cristian Mandeal, Tadaaki Otaka, Vladimir Valek oder Marcello Viotti.

Im Rahmen von Kammermusikabenden arbeitet Hideyo Harada unter anderem mit dem Borodin Quartett, den Geigern Latica Honda-Rosenberg und Mikhail Simonyan, dem Cellisten Jens Peter Maintz und dem Bariton Roman Trekel. Eine weitere Facette ihres Könnens zeigt die Pianistin bei musikalisch-literarischen Programmen, die sie gemeinsam mit den Schauspielern Corinna Harfouch, Esther Schweins, ChrisTine Urspruch und Hanns Zischler gestaltet. Aufnahmen bei internationalen Rundfunk- und Fernsehanstalten runden ihre Tätigkeit ab.

Neben ihrer regen Konzertaktivität veröffentlichte Hideyo Harada über vier Jahre hinweg monatlich erscheinende Essays in der renommierten japanischen Musikfachzeitschrift Musica Nova. 2014 erschien in einem der bekanntesten japanischen Verlage ihr Buch „Das Geschenk der russischen Klavierschule“, das am Beispiel ausgewählter Künstlerpersönlichkeiten – beginnend mit der Ära Peters des Großen bis hin zu den gefeierten Klaviervirtuosen der Jetztzeit – ein reiches musikalisches Erbe aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet.

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Videos
Schubert: Fantasie C-Dur D 760 „Wanderer-Fantasie“
Schumann: Kreisleriana op. 16
Website der Künstlerin
Foto Hideyo Harada: © Uwe Arens